Warum Daten So Viel Über Die Interessen Der Sz Leser Verraten

Emily Johnson
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warum daten so viel über die interessen der sz leser verraten

Früher wussten Redaktionen nur begrenzt Bescheid über die Interessen ihrer Leser. Heute dagegen kann man sehr genau messen, welche Texte besonders intensiv gelesen werden - auch in der gedruckten Zeitung. Früher wurde Journalismus vor allem aus dem Bauch heraus gemacht. Der Journalist (und es waren damals in der Mehrzahl Männer) wusste angeblich ganz genau, was der Leser will. Der Bauch und das Gefühl waren oft die wichtigsten Maßstäbe beim Zeitungsmachen. Diesem Bauchgefühl folgend hob die Redaktion Geschichten ins Blatt und entschied, ob sie ganz weit vorne in der Zeitung platziert wurden, ganz weit oben oder auf einer hinteren Seite neben den Kleinanzeigen.

Heute wissen Redaktionen über die Leserinnen und Leser sehr viel mehr als früher. Denn der Journalismus in den Redaktionen schaut - mal mehr, mal weniger - auch auf Zahlen, die Auskunft darüber geben, welche Texte bei der Leserschaft besonders reüssieren. Bei der Süddeutschen Zeitung ist diese Leserschaft sehr heterogen, sie reicht vom 85-Jährigen, der die SZ schon seit über fünf Jahrzehnten abonniert hat, bis zum Teenager, der die Weltnachrichten am liebsten auf Instagram konsumiert;... Darüber, was die Leserinnen und Leser mehr und was sie weniger interessiert, haben Redaktionen, und auch jene der Süddeutschen Zeitung, in den vergangenen beiden Jahrzehnten vor allem dank des Internets sehr viel gelernt. Denn das Netz erlaubt es, jeden Aufruf eines Artikels, jede Lektüre zu tracken, also zu messen. Man weiß: Woher kommen die Leser - über Google, Facebook, Twitter?

Oder haben sie die Webseite direkt angesteuert? Man kann auch sehen: Wie lange verweilen sie im Durchschnitt in einem Artikel? Steigen sie nach wenigen Sätzen wieder aus (was am Thema liegen kann oder daran, wie der Text geschrieben ist) - oder bleiben sie bis zum Schluss dabei? Von besonderem Interesse ist natürlich, welche Artikel dazu führen, dass Leser ein digitales Abonnement abschließen - und was sie dann besonders intensiv lesen. Denn wir machen die Süddeutsche Zeitung, gedruckt ebenso wie digital, natürlich vor allem für unsere Abonnenten. Ihnen muss das, was wir jeden Tag produzieren (eine dreistellige Zahl an Texten), auch gefallen, diese Abonnenten gilt es, auf Dauer zu halten.

Und das gelingt eben nicht mit Katzenfotos und schrillen Bildergalerien, die in der Anfangsphase des Internets besonders beliebt waren, um schnelle Klicks zu generieren - sondern nur mit hochwertigem Journalismus, mit guten Texten, die... Die einen tun's beim Frühstück, andere in der Bahn. Manche auf Papier, andere am PC oder Handy. Als Post, als Push oder als Podcast. Das sind die Leser der SZ. Über viele Jahre mündete alle redaktionelle Arbeit im gedruckten Blatt, das morgens in den Briefkästen unserer Leser landete.

Und die Gespräche mit unseren Abonnenten zeigen: Auch heute noch hat die gedruckte Zeitung einen unverändert hohen Stellenwert in deren Alltag. Doch die SZ hat sich weiterentwickelt und ist längst mehr: Neben der Zeitung in gedruckter oder E-Paper-Form steht heute vor allem Sächsische.de im Zentrum: Das Portal, auf dem alle wichtigen Nachrichten aus Sachsen gebündelt... Dazu kommen ständig neue Angebote: Besonders wichtige Meldungen versenden wir über Push-Nachrichten, in Podcasts diskutieren wir zu brisanten Themen, Alexa und Google bekommen von uns die wichtigsten Nachrichten des Tages diktiert. Dazu versenden wir täglich mehrere Newsletter, betreiben einen Blog zum Thema "Journalist werden" und bespielen unsere Social Media-Kanäle auf Facebook, Instagram und Twitter. Wir haben mit einigen Lesern darüber gesprochen, wie sie die SZ nutzen und was sie ihnen im Alltag bedeutet. Wie häufig wird ein Artikel aufgerufen?

Und über welche Kanäle? Warum Daten für die "Süddeutsche Zeitung" so wichtig sind - und was ein Klick über den Leser verrät. Eine Sicherheitslücke im Betriebssystem iOS erregte im Juli 2016 Aufsehen: Mehrere Hundert Millionen Apple-Geräte waren gefährdet, eine einfache Multimediadatei reichte aus, um Schadcode auf den Geräten auszuführen. Per iMessage oder MMS konnten etwa iPhone-User so Opfer eines Hacks werden. Das Digital-Ressort der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte am frühen Abend des 21. Juli dazu eine Meldung.

" Sie sollten Ihr Betriebssystem für iPhone und Mac sofort aktualisieren", war die Nachricht überschrieben. Fünf kurze Absätze, etwas mehr als 2000 Zeichen - im Normalfall kaum erwähnenswert. Täglich prüfen Dutzende Köpfe und Blicke in einem strengen, aber bewährten Verfahren, ob und wie es eine Meldung in die Zeitung oder auf die Homepage schafft. Eine Führung durch den Nachrichtenbetrieb. Allein am Abend der Veröffentlichung jedoch wurde der Artikel mehr als 150 000 Mal aufgerufen, ein Extremwert. Die Quelle damals: unbekannt - und die Aufregung in der Redaktion entsprechend groß.

Über welchen Kanal kamen derart viele Leser, deren Ursprung wir nicht ausmachen konnten? Journalisten unterliegen oft demselben Irrtum wie Leser, sagt Marie-Louise Timcke: dass Daten Fakten seien. (Foto: Johanna Berger) Unsere Welt ist zunehmend datengetrieben, und der branchenweite Trend zu mehr Datenjournalismus trägt dem Rechnung. Die Karrierestationen von Marie-Louise Timcke machen vor, wie sich Redaktionen Datenkompetenz aufbauen können. Text: Caroline Lindekamp

Der Unterschied zwischen Durchschnitt und Mittelwert? "Das ist einer der gängigsten Fehler – und er wird auch in Redaktionen gemacht", sagt Marie-Louise Timcke. Sie ist seit Januar Leiterin Datenjournalismus bei der Süddeutschen Zeitung. "Die Data Literacy ist häufig nur sehr oberflächlich. Journalisten und Journalistinnen sehen eine Zahl, zitieren sie im Artikel und unterliegen letztlich demselben Irrtum wie viele Leser: Zahlen sind Fakten." Dabei ist auch die bestgemachte Statistik nur eine Annäherung an die Realität, und... Gänzlich ohne Daten kommt Berichterstattung immer seltener aus.

Die großen Themen der Zeit wie die Pandemie und die Klimakrise sind datengetrieben. Politik und Wirtschaft gründen ihre Entscheidungen auf Studien und Statistiken. Rechtfertigen Verdopplungszeit und exponentielles Wachstum tatsächlich die Corona-Maßnahmen? Solche Fragen erfordern ein gewisses statistisches Know-how und machen in vielen Redaktionen eine Lücke offensichtlich. "Hinter Zahlen schauen, Zusammenhänge erkennen, Datenkritik üben, Validierungsprüfungen machen und Vergleichsdaten heranziehen – das fehlt einfach", sagt Timcke. Sie sieht die Bereitschaft, daran etwas zu ändern: "Redaktionen rüsten nach, um sich diese Kompetenzen aufzubauen."

Der Trend zum Datenjournalismus hat schon vor der Pandemie Fahrt aufgenommen – etwa zu der Zeit, als sich Timcke für eine Karriere im Journalismus entschied. Datenjournalismus meint: Geschichten in Daten finden und mit Daten erzählen. Sie interaktiv ausspielen, um die Zahlen komplexitätsreduziert und spannend zu vermitteln – zum Beispiel als Service-Tool oder mit personalisierten Verortungsoptionen für die Rezipienten. Wie steht jede einzelne in der großen Zahlenblase? Diese Herangehensweisen eröffneten der heute 29-jährigen Timcke ungeahnte Türen. Doch zunächst brauchte es einiges Zureden, um sie von der Spezialisierung zu überzeugen.

Timcke hatte eigentlich einen ganz anderen Berufswunsch: Nach dem Life–Science-Studium in Konstanz wollte sie in die Tumorforschung. Doch nach den ersten Semestern schloss sie einen Arbeitsalltag im Labor aus. Sie brach das Studium ab und entschied sich für Wissenschaftsjournalismus als Kompromiss: Die Themen bleiben, die Arbeit ändert sich. Statt selbst Forschung zu betreiben, wollte sie darüber schreiben. Im Orientierungsgespräch am Dortmunder Institut für Journalistik wollte man die Studentin für den Daten- statt Medizinschwerpunkt motivieren. Er war damals im Jahr 2014 noch ganz neu und sorgte bei Timcke sowie ihren Kommilitonen für wenig Begeisterung.

In Konstanz war sie schon zweimal durch die Matheprüfung für Chemiestudierende gefallen und hatte nur noch einen finalen K.O.-Versuch, die sogenannte Existenzprüfung. "Zwar habe ich letztlich bestanden. Aber auch deswegen wollte ich den Datenschwerpunkt nicht machen. Ich falle doch nicht zweimal in Mathe durch und komme dann auf die super Idee, Statistik zu studieren", sagt Timcke. "Ich war nie in einer Informatik-AG. Meinen Computer habe ich höchstens zum Sims-Spielen und mal für eine Word-Datei genutzt." Timcke war schließlich bereit, immerhin mal reinzuschnuppern.

Warum sich die Süddeutsche Zeitung Unterstützung aus Dresden geholt hat? Um ihre Leser besser zu verstehen. Ulrich Schäfer aus der Chefredaktion erklärt, wie Lesewert der SZ-Redaktion geholfen hat, ihr Angebot weiterzuentwickeln. Und welche gefühlten Wahrheiten über Leserinnen und Leser dabei zerbröselten. Danke, Süddeutsche Zeitung, für euer Vertrauen und für ein tolles Projekt mit über 700 Lesern. #Lesewert https://lnkd.in/eDTMj9Ht

Interessanter Einblick: „Zahlen nutzen, ohne ihr Sklave zu werden“ … dazu journalistisches Gespür und die richtige Prise Bauchgefühl 😉 Und: Die Interessen von Print- und Online-Lesern liegen erstaunlich eng beieinander. Süddeutsche Zeitung Zum Anzeigen oder Hinzufügen von Kommentaren einloggen

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