Querdenker Wie Die Corona Krise Zu Radikalisierung Führte
Wie sich Menschen aus der Mitte radikalisieren Diese Geschichte beginnt an einem verregneten Herbsttag 2020 in einer Bäckerei direkt am Hamburger Hauptbahnhof. Dort lernen wir Selina Fullert kennen. Die 32-jährige Auszubildende mit den roten, halblangen Haaren hat sich damals schon einen Namen gemacht: als Kopf der Hamburger "Querdenken"-Bewegung. Als Organisatorin des "Widerstands", wie sie es nennt. Your browser does not support this video
Sie hat unzählige "Querdenker"-Demonstrationen angeführt, zum Bahnfahren ohne Maske aufgerufen und führt einen Telegram-Account mit dem Namen "Selina Fullert Official". Nach diesem verregneten Oktobertag entschließt sie sich, sich über Monate von uns begleiten zu lassen - zwei NDR Reporterinnen und dem NDR Datenteam. Am 16. März 2020 erklärt Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Fernsehansprache zum Stand der Corona-Pandemie: "Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst." Zu Beginn der Krise geht es Selina Fullert, damals alleinerziehend mit zwei Kindern, wie vielen anderen auch: Sie ist verunsichert und sucht im Internet nach Informationen über das neuartige... „So entwickelte sich am Samstagnachmittag rund um die Querdenken-Kundgebung zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule eine teils bizarre Szenerie.
Junge und alte Männer und Frauen hatten sich da versammelt, Hippies, manche hatten im Tiergarten kleine Lager aufgeschlagen, Kinder spielten dort. Zwischendrin verteilte die NPD Flugblätter, vereinzelt waren auch Flaggen des Deutschen Kaiserreichs zu sehen. Masken wurden nicht getragen und der Sicherheitsabstand trotz ständiger Ermahnungen kaum gewahrt. Als Ballweg (Anm. der Red.: Michael Ballweg, Mitinitiator der Querdenken-Bewegung) seine Mitstreiter über Lautsprecher von der Bühne neben der Siegessäule aufrief, die Hand aufs Herz zu legen, folgten ihm viele. ‚Mit der Hand auf dem Herzen setzen wir ein Zeichen für Liebe und Frieden in der Welt‘, sagte Ballweg.
Seine Sympathisanten wirkten da eher wie Jünger.“ Ganz ähnlich wie diese Darstellung, die am 30. August 2020 im Anschluss an eine Großdemonstration in Berlin in der „Süddeutschen Zeitung“ erschien, lasen sich zahlreiche Medienberichte über die seit dem Frühjahr 2020 in zahlreichen Orten der Bundesrepublik stattfindenden Versammlungen, in deren Rahmen... Die rasch mit dem Etikett des „Querdenkens“ versehenen Demonstrationen fanden deutlich mehr Aufmerksamkeit als jene Versammlungen, die von Kulturschaffenden und Gastronomen organisiert worden waren, um auf deren prekäre ökonomische Lage aufmerksam zu machen. Anfangs fanden sich bei den Versammlungen von „Querdenken“ oder Gruppen wie der „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand“ mehrere Menschen ein, die offenbar die Sorge um die Einschränkung demokratischer Freiheiten oder die ökonomischen Folgen der staatlich angeordneten... Bald schon setzten sich jedoch Verschwörungserzählungen als verbindendes Element unter der Mehrheit der Teilnehmenden durch.
Sieht man das Coronavirus SARS-CoV-2 als kaum gefährlicher als eine Grippe an – falls man es nicht ohnehin als Erfindung betrachtet –, so liegt es auf der Hand, zu vermuten, dass die zeitweise tief... Entsprechend stimmte auch ein sehr hoher Prozentsatz der 1.150 Teilnehmer*innen einer großen „Querdenken“-Demonstration in Konstanz im Oktober 2020 bei einer Befragung Aussagen zu, dass die Gefährlichkeit des Virus nicht gegeben sei, die Regierung die... Bei den beiden Großdemonstrationen in Berlin, Anfang und Ende August 2020, bedienten die Redner*innen auf vielfältige Weise die Interpretation, nach der die staatlichen Maßnahmen einem ganz anderen Zweck dienten – und das Publikum schien... In Situationen der existenziellen Krise können Verschwörungserzählungen dem nach Verstehen und Sicherheit suchenden Individuum nicht nur eine (scheinbar) eindeutige Erklärung dafür bieten, was gerade passiert. Sie reduzieren auch das Gefühl der Verunsicherung und Bedrohung und stiften ein Gefühl der Zugehörigkeit zu all denen, die ebenfalls „verstanden“ haben, dass es der Regierung (oder wahlweise einer die Regierung kontrollierenden Gruppe) bei... Die „soziale Landkarte“, die Verschwörungserzählungen zeichnet, ruft vier Gruppen auf: die kleine Kerngruppe der Verschwörer*innen; eine deutlich größere Gruppe, die dieser Kerngruppe naiv, opportunistisch oder aus Gewinninteresse zuarbeitet; die große Mehrheit der Bevölkerung, die...
Die Selbstbezeichnung als „Querdenker“ spiegelt bereits ein Paradigma aus Verschwörungserzählungen wider: „Nichts ist, wie es scheint. Hinterfrage alles.“ In Bezug auf „Corona-Proteste“, Corona-Kleinkundgebungen sowie „Corona-Spaziergänge“ hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) vor dem medial so getauften „Sturm auf den Reichstag“ im August 2020 festgestellt, dass das Teilnehmerfeld bis dahin „äußerst heterogen, in... „Querdenker“ mit ihren deutschlandweit präsenten lokalen Initiativen werden von den deutschen Verfassungsschutzbehörden „nicht als homogene Gruppierung verstanden“, aber es sei „ihren zentralen Führungspersonen und organisatorisch Verantwortlichen seit Beginn der Coronapandemie gelungen, sich bis Mitte... „Querdenker“, „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“ sowie Rechtsextremisten versuchen seit Beginn der Corona-Proteste Einfluss zu nehmen und diese strategisch und ideologisch zu nutzen. Im Mittelpunkt dieser drei Akteursgruppen steht die Agitation gegen staatliche Corona-Schutzmaßnahmen und nach Angaben der Verfassungsschutzbehörden und Innenministerien von Bund und Ländern eine Delegitimierung der Maßnahmen und des Staates sowie seiner Repräsentanten.
In Bezug auf „Querdenker“ muss differenziert werden. Zu unterscheiden ist beispielsweise in „Querdenker“ und deren Organisationsstrukturen, in „Querdenker“ mit Bezügen zu rechtsextremistischen Gruppen und/oder Einzelpersonen sowie „Querdenker“ mit Bezügen zu „Reichsbürgern“ und „Selbstverwaltern“ und in Teilnehmer von Corona-Demonstrationen sowie Spaziergängen, die... Die Protagonisten von „Querdenken" leiten nach aktuellen Angaben des BfV „ihre vermeintliche Bedeutung und Legitimation nicht zuletzt aus dem Umstand ab, dass sie über ihre Kanäle in Sozialen Medien über eine große Reichweite verfügen“.3... Michael Ballweg, Gründer und Geschäftsführer einer Software-Firma aus Stuttgart, gründete im Frühjahr 2020, am Beginn der staatlichen Corona-Hygienemaßnahmen, "Querdenken 711" als erste regionale Gruppe. Der Zusatz „711“ verweist dabei auf die Telefonvorwahl Stuttgarts (0711). Querdenken ist deutschlandweit in neun Regionen organisiert und hatte zwischenzeitlich 68 Ableger, aktuell spricht „Querdenken 711“ von 48 Ablegern in Deutschland.5 Auch diese lokalen Gruppen tragen jeweils die Telefonvorwahl im Namen, also zum Beispiel...
Mitte April protestierten rund 50 Menschen gegen die Corona-Auflagen - die Geburtsstunde von "Querdenken". Inzwischen demonstrieren bundesweit Tausende, darunter auch immer wieder Reichsbürger und Rechtsextremisten. Der Verfassungsschutz in Baden-Württemberg schreitet nun ein. Doch was bedeutet das? Zuerst sind es nur ein paar Dutzend Teilnehmer, die in Stuttgart gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen. Doch schnell werden es immer mehr.
Schon bald beschränken sich die Anti-Corona-Proteste nicht mehr nur auf Stuttgart: Ende August kommen Zehntausende "Querdenker" in Berlin zusammen. Neben Peace-Symbolen und Herzchen-Transparenten wehen Reichsflaggen über den Köpfen der Teilnehmer. Die Bewegung wird zusehends von Rechtsextremisten und Reichsbürgern gekapert. Jetzt ist zumindest in Baden-Württemberg klar: "Querdenken" ist ein Fall für den Verfassungsschutz. Es lägen "hinreichend gewichtige Anhaltspunkte für eine extremistische Bestrebung vor", begründet Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl die Entscheidung. Eine Beobachtung durch den Landesverfassungsschutz sei daher "unabdingbar".
Der legitime Protest gegen staatliche Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie weiche immer mehr einer grundsätzlichen Staats- und Politikfeindlichkeit in bedenklichem Ausmaß, erklärte Strobl weiter. Zentrale Akteure schürten mit falschen Behauptungen "Hass auf den Staat" und agierten damit letztlich "demokratiefeindlich". Wie geht der Landesverfassungsschutz nun gegen "Querdenken" vor? Seit längerem sammelt der Verfassungsschutz öffentlich zugängliche Informationen über die Bewegung. Nun kann die ganze Bandbreite der nachrichtendienstlichen Mittel eingesetzt werden, wie Online-Überwachung, Observationen oder der Einsatz von V-Leuten. Allerdings beobachtet der Geheimdienst lediglich die "Organisationsstrukturen", also die Köpfe und Organisatoren.
Die Teilnahme an Demonstrationen mache niemanden verdächtig, betont Strobl. "Die Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 'Querdenken'-Demonstrationen sind keine Extremisten." Kritik an staatlichem Handeln und Demonstrieren seien Teil unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung, so der Innenminister. Ein Teilnehmer einer verbotenen Demonstration von Gegnern der Corona-Regeln streckt im Dezember 2021 seine Fäuste einem Polizisten entgegen. Hass verbreiten im Internet ist einfach. Aber warum verlassen Gegner der Corona-Maßnahmen die Kommentarspalten und schlagen nicht mehr nur verbal zu? Der #Faktenfuchs zeigt, was die Forschung dazu sagt.
"Ich vernichte Euch alle." Mit diesen Worten griff Ende August 2022 auf dem Münchner Marienplatz ein 23-Jähriger einen Reporter des Bayerischen Rundfunks tätlich an. Laut Polizei beschimpfte er Medienvertreter "als Volksverräter und Impfterroristen" – das sind Begriffe, wie sie "Querdenker" verwenden. Solche Gewalt ist kein Einzelfall: Auf Corona-Demonstrationen werden Medienvertreter immer wieder attackiert. Ein besonders drastisches Beispiel ist der "Maskengegner", der im September 2021 im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein einen Tankstellen-Kassierer erschoss. Der Münchner Angreifer ist nach BR-Recherchen dem äußeren rechten Spektrum zuzuordnen. Dass Rechtsextremisten auf Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen auftreten, ist kein Einzelfall, wie bereits im September 2020 eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion belegte.
Der Schütze von Idar-Oberstein, am 13. September 2022 zu lebenslanger Haft verurteilt, war dagegen nach den bisherigen Erkenntnissen nicht organisiert, und er ist offenbar nie auf einer "Querdenker"-Demo gewesen. Der Gegner der Corona-Maßnahmen radikalisierte sich aber im Internet. Das Gericht sah in der rechtsradikalen Einstellung des 50-Jährigen und in seiner Feindschaft gegen den Staat das Hauptmotiv für die Tat. Der #Faktenfuchs zeigt zum Beispiel hier, hier und hier, welche Falschbehauptungen unter "Querdenkern" kursieren und sich auch darüber hinaus verbreiten. Zugleich berichtete BR24 immer wieder über Fälle, in denen Angreifer gewalttätig wurden, die in entsprechenden Milieus oder Internetforen unterwegs waren.
Dieser #Faktenfuchs-Hintergrund soll die Brücke schlagen zwischen diesen Vorfällen und der Ideologie dahinter - auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die Geschwindigkeit, mit der sich Querdenker radikalisieren, beunruhigt den Chef des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen. Ein Gespräch mit Burkhard Freier über eine Szene, die bleiben wird - und mit Aufklärung kaum zu erreichen ist. Burkhard Freier ist seit 2012 Leiter des nordrhein-westfälischen Landesamts für Verfassungsschutz. Schon seit Monaten beobachtet er mit wachsender Sorge die Radikalisierungstendenzen in der Querdenker-Szene. Aktuell werden wieder strengere Anti-Corona-Maßnahmen diskutiert.
Könnte das zu einer noch größeren Spaltung der Gesellschaft führen oder sogar zu einer stärkeren Radikalisierung? Einschätzungen von der Sozialpsychologin Pia Lamberty. Part of the book series: essentials ((ESSENT)) Kurz nach dem Sturm auf das Kapitol in den USA konstatierte Bayerns Ministerpräsident Söder Anfang Januar 2021 eine Radikalisierung der „Querdenker“-Szene in Deutschland. „Auch wenn die Umfragewerte der AfD sinken, besteht die Gefahr, dass sich aus ihrem Umfeld heraus in Deutschland ein Corona-Mob oder eine Art Corona-RAF bilden könnte, die zunehmend aggressiver und sogar gewalttätig werden könnte“,... This is a preview of subscription content, log in via an institution to check access.
Tax calculation will be finalised at checkout Fachbereich Bundespolizei, Hochschule des Bundes, Lübeck, Deutschland
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Seine Sympathisanten Wirkten Da Eher Wie Jünger.“ Ganz Ähnlich Wie
Seine Sympathisanten wirkten da eher wie Jünger.“ Ganz ähnlich wie diese Darstellung, die am 30. August 2020 im Anschluss an eine Großdemonstration in Berlin in der „Süddeutschen Zeitung“ erschien, lasen sich zahlreiche Medienberichte über die seit dem Frühjahr 2020 in zahlreichen Orten der Bundesrepublik stattfindenden Versammlungen, in deren Rahmen... Die rasch mit dem Etikett des „Querdenkens“ ...
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